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Folge 3 – Ein Geisteraustreiber?

  • 24-01-2023
Kleiner Museumsbesuch
Jadener Geisteraustreiber, Östliche Han-Dynastie (25–220 n. Chr.) © National Palace Museum

Jadener Geisteraustreiber, Östliche Han-Dynastie (25–220 n. Chr.),Höhe: 9,3 cm, Länge: 13,6 cm, © National Palace Museum

 

In der letzten Folge haben wir uns ein bronzenes Wasserbecken angesehen, das lebhaft von einer Geschichte zwischen zwei Reichen der westlichen Zhou erzählt. In unserer heutigen Folge geht es wieder um das beliebte Material Jade - diesmal um eine Figur aus Jade. 

Die Figur wurde während der Östlichen Han-Dynastie aus einem Jadestein geschnitzt. Das ist die Zeit von 25 bis 220 n. Chr. Die ursprüngliche blassgrüne Farbe, die für Jade so typisch ist, hat sich auch hier - wie beim Phönix Jadeornament aus unserer ersten Folge - mit der Zeit verändert zu einem braun-rötlichen Ton.

Dargestellt ist hier der „Pi-hsieh“ - ein mythologisches Wesen, von dem angenommen wird, dass es mit seinen magischen Kräften böse Mächte abwehren kann, also eine Art Geisteraustreiber. Tatsächlich bedeutet sein Name auf Chinesisch „das Böse abwehren“. In der Han-Dynastie wurden „pi-hsieh“ meist als geflügelte, vierbeinige Bestien dargestellt. Diese Form kommt wahrscheinlich ursprünglich aus Westasien. Oft handelt es sich um riesige Steinstatuen, die entlang der Geisterstraße aufgestellt wurden - also an den Wegen, die zu Gräbern führten. Einige wurden aber auch aus hochwertiger Jade geschnitzt und als Schmuck für die Reichen und Mächtigen verwendet.

Auch unser Geisteraustreiber ist aus Jade. Das Tier ist sehr lebendig dargestellt. Es steht im sicheren Stand auf vier Beinen, streckt die stolze Brust heraus und den Kopf mit geöffnetem Maul Richtung Himmel empor. Die Schnauze ist relativ lang, fast wie die eines Pferdes. Darin unterscheidet sich die Form von anderen Jade „pi-hsieh“. 

Die Flügel sind in einem eleganten Schwung an den Körper gelegt und greifen die Bewegung des gebogenen Rückens auf. Die Dynamik ist schlicht und harmonisch, doch mutet ebenso heroisch an. Fast wirkt es, als würde das Tier sich zu einem Sprung vorbereiten. 

Passend zur Form hat Kaiser Qianlong, der von 1711 bis 1799 lebte, während der Qing-Dynastie für den Geisteraustreiber ein Podest anfertigen lassen. Zudem ließ er auf diesem Podest ebenso wie auf der Brust des Wesens eine Gravur anbringen. Eingraviert wurde ein Gedicht, das böse Geister abwehren soll. In die Gravur sind Silberfäden eingelegt.

Jadeskulpturen ziehen sich übrigens durch die gesamte chinesische Geschichte. Doch die freistehenden Skulpturen der Han-Dynastie bilden einen Höhepunkt dieser Handwerkskunst.  

Die dominierende Strömung der Han-Dynastie konzentrierte sich auf die daoistische Unsterblichkeit des Huanglao, dem Daoismus des Gelben Kaisers und des Laozi. Das zweite ultimative Ziel menschlicher Existenz war die Transformation zu einem Unsterblichen, zu einem, der so alt wie der Himmel sein darf. Die glücksverheißenden, geflügelten Tiere erscheinen auch auf Gemälden und Reliefs der Han-Dynastie. Sie symbolisieren die Welt der Unsterblichen.

Ich hatte ja am Anfang erwähnt, dass die Figur böse Geister vertreiben soll, doch noch immer ist man sich nicht einig, ob dieses Fabeltier tatsächlich als Objekt der Geisteraustreibung genutzt wurde. Ohne Zweifel sind hier aber die  die Kreativität und die Virtuosität des Künstlers eingeflossen, mit der er in Form dieser Skulptur einen Höhepunkt in der Geschichte der Jadeskulpturen gesetzt hat.

In der nächsten Episode werden wir uns erneut ein Wassergefäß aus Bronze ansehen, das aber eine ganz besondere Form hat.

Redaktion

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